eine der fünf Weltreligionen;
Verbreitung in ganz Asien; über 300 Millionen Anhänger;
nach der Lehre Buddhas; geht von der Wiedergeburt und dem achtteiligen
Weg bis zum Ende des Leidens aus; anschließendes Aufgehen
der menschlichen Seele in das Nirwana.
Geschichte: In den Anfängen als Hinayana ("kleines Fahrzeug",
das den Einzelnen über den Strom der Leiden führt)
nur Lehre für wenige, seit dem 2. Jh. n.Chr. als Mahayana
("großes Fahrzeug", auf dem alle Wesen zum erlösenden
Ufer gelangen) Religion auch für die Massen und deren Erlösungsbedürfnis
und Weltreligion.
Lehre von der Seelenwanderung und dem glückseligen Aufgehen
im Nirwana durch stufenweise Läuterung (achtteiliger Pfad),
Versenkung durch Askese und Abwendung vom irdischen Dasein.
Buddha hinterließ keinen Nachfolger; Richtschnur sollte
seine Lehre sein, nach seinem Tode von den Jüngern gesammelt
und mündlich weitergegeben (Richtungen, Schulen, die Buddhas
Worte verschieden auslegten und sie dann schriftlich fixierten);
Buddha war in dieser Zeit noch nicht kultisch verehrter Heilbringer,
sondern Lehrer, es gab noch keine Buddha-Statuen; das plastische
Bild wurde erst nach Christi Geburt in der hellenistischen Gandhara-Kunst
geschaffen, zugleich mit Vergöttlichung Buddhas. Nach frühen
Ansätzen zur Missionierung im Ausland (Prediger in Diadochen-Reichen,
Eindringen nach Ceylon, das bis heute Zentrum des Alt-Buddhismus
blieb) in der Zeit von Christi Geburt bis etwa 500 Missionierung
Indonesiens, West-Afghanistans, Ostirans, Ostturkestans, von
dort aus Chinas, in dem der Buddhismus im 3./4. Jh. Volksreligion
wurde, unter Übernahme des Kaiserkults und der Ahnenopfer;
von China aus Tongking und Korea (dort um 372 n.Chr.) missioniert.
Seit der Mitte des 1. Jh.s. n.Chr. begann in Indien der Buddhismus
mit dem Hinduismus und Brahmanismus zu verschmelzen und sich
in weitere Sekten zu teilen, das Rituelle überwucherte
den Lehrinhalt; im Nordwesten Indiens wurde er seit 711 vom
Islam überwunden. Bis etwa 1 000 hatte er fast alle seine
Anhänger an den Islam, den Hinduismus und andere Religionen
verloren. Zur
Hochblüte entwickelte er sich indes in Ceylon und in Hinterindien,
wo im 9. Jh. die große Kultstadt Angkor entstand, und
in Indonesien, wo ebenfalls im 9. Jh. Borobudur auf Java mit
herrlichen Stupas geistiger Mittelpunkt war. In China wurde
der Buddhismus trotz von Zeit zu Zeit heftiger Verfolgungen
(mit Säkularisierung der Mönche und Tempelenteignung)
durch geschmeidige Anpassung an die bestehenden Volkskulte und
den Taoismus zu einem bestimmenden Kulturfaktor (neben dem vorherrschenden
Konfuzianismus). In Japan, wo er den Schintoismus mit seinem
Natur- und Ahnenkult verdrängte, wurde er stark japanisiert
und gewann mehr nationalistisches und kriegerisches Gepräge.
In Tibet, wo er 642 eingeführt wurde, nahm der Buddhismus
die Form des Lamaismus an, mit teilweise bizarrer Zaubermagie.
Um 1200 erlag der Buddhismus in Indien dem Hinduismus, um die
gleiche Zeit belebte er sich in Japan im Zen-Buddhismus. Seit
dem 13. Jh. griff er in der Form des tibetanischen Lamaismus
auf die Mongolei über. In Korea gewann im 14. Jh. der Konfuzianismus
und in Indonesien im 15. Jh. der Islam die Überhand. Im
17. Jh. entstanden erste buddhistische Gemeinden auf europäischem
Boden bei den Kalmüken. Heute ist der Hinayana-Buddhismus
in Ceylon, Birma, Siam, Laos und Kambodscha verbreitet; der
Mahayana-Buddhismus in Nepal, Vietnam, China, Korea, Japan;
der Lamaismus in Tibet, Sikkim, Bhutan und der Mongolei.
Wer ist
Buddha?
Vor etwa 2560 Jahren in Nordindien
geboren, erkannte Buddha nach langer Suche in tiefer Meditation
das Wesen unseres Geistes. Seine Lehre, die selbständig,
froh und liebevoll macht, ist Hauptreligion in mehreren ostasiatischen
Ländern. Sie überzeugt und begeistert seit den siebziger
Jahren eine wachsende Zahl von Menschen im Westen.
Was lehrt
Buddha?
Buddha erklärt hautnah und
lebensbezogen, was letzt-endlich wirklich und was bedingt ist.
Dieses Verständ-nis ermöglicht das Erleben dauerhaften
Glücks. Der Buddhismus kennt keine Dogmen und erlaubt,
alles in Frage zu stellen. Durch geeignete Meditationen wird
das Verstandene zur eigenen Erfahrung. Zusätzliche Mittel
festigen die erreichten Bewußtseinsebenen.
Was
ist Karma?
Karma
bedeutet »Ursache und Wirkung«, nicht Schick-sal.
Jeder ist für sein eigenes Leben verantwortlich. Dieses
Verständnis ermöglicht den bewußten Aufbau von
Eindrücken, die zu Glück führen und künftiges
Leid vermeiden. Noch nicht reif gewordenes positives Karma läßt
sich mit den geschickten Mitteln des Diamantwegs verstärken,
negatives abbauen.
Was
ist Meditation?
Meditation bedeutet im Buddhismus
»müheloses Ver-weilen in dem, was ist«. Dieser
Zustand wird durch Be-ruhigen und Festhalten des Geistes oder
durch die Ar-beit mit inneren Energien und Lichtformen verwirk-licht.
Am wirksamsten ist jedoch die ständige Identifi-kation
mit der eigenen Buddhanatur, und zwar nicht nur während,
sondern auch außerhalb der Meditations-sitzungen, wie
es im Diamantweg gelehrt wird.
Was
bedeuten »Befreiung und Erleuchtung«?
Bei der Befreiung wird erkannt,
daß Körper, Gedanken und Gefühle in ständiger
Veränderung sind und deswegen kein wirkliches »Ich«
bilden können. Dadurch erlebt man sich nicht mehr als Zielscheibe,
der Ursache allen Leidens. Erleuchtung ist der weitere, letztendliche
Schritt. Hier strahlt das klare Licht des Geistes durch jede
Erfahrung. Es
besteht keine Trennung mehr zwischen Erleber, Erlebtem und Erlebnis.
Der Geist entfaltet seine Fähigkeiten und ist in allem
spontan und mühelos.
Worin
unterscheiden sich die buddhistischen Richtungen?
Buddha gab Belehrungen für
drei verschiedene Arten von Menschen. Wer Leid vermeiden wollte,
bekam Auskunft über Ursache und Wirkung. Wer mehr für
andere tun wollte, hörte Belehrungen über Mitgefühl
und Weisheit. Wenn Leute starkes Vertrauen in ihre eigene
Buddhanatur hatten, zeigte Buddha sich in Formen von Licht und
Energie oder vermittelte seine erleuchtete Sicht von der Natur
des Geistes (»Maha-mudra«). Die erste dieser Ebenen
heißt heute »Kleiner Weg« oder »Theravada«,
die zweite »Großer Weg« oder »Mahayana«
und die höchste »Diamantweg« oder »Vajrayana«.
Die Vajrayana-Belehrungen sind durch die Schulen des Zen und
Shingon und in Tibet hauptsächlich durch die Nyingma-,
Sakya- und Kagyü-Linien überliefert worden.
Siddhartha
Gautama,
der
spätere Buddha, wurde etwa 560 v. Chr. in Nordindien geboren
und starb im Alter von 80 Jahren. Er entstammte dem Adelsgeschlecht
der Sakyer (daher die Bezeichnung Buddha Sakyamuni) und verbrachte
eine unbeschwerte Jugend im materiellen Überfluss, heiratete
mit 16 Jahren und hatte einen Sohn.
Mit 29 Jahren verläßt er die Palastanlage seiner Familie
und begegnet dabei zum ersten Mal einem Greis, einem Schwerkranken
und einem Toten. Nun weiß er, dass Alter, Krankheit und
Tod unausweichlich mit dem menschlichen Leben verbunden sind.
Die ihm bislang selbstverständlichen Vergnügungen verlieren
ihren Reiz und er beschließt, von jetzt an die Grundlage
für nicht vergängliches, dauerhaftes Glück zu suchen.
Nach sechs Jahren voll vergeblicher Versuche, dies zu erreichen
- ob
durch Askese oder die Auseinandersetzung mit den besten
Philosophien seiner Zeit -, setzt er sich in der Nähe des
heutigen
Bodh-Gaya unter einem Feigenbaum nieder und verspricht, nicht
wieder aufzustehen, bevor er sein Ziel erreicht hat. Schließlich
erkennt
er in tiefer Meditation das Wesen des Geistes und wird damit
erleuchtet, also ein Buddha, ein "vollkommen Erwachter".
Von nun an lehrt er 45 Jahre
lang, gründet einen Mönchs- und einen
Nonnenorden und gewinnt viele Laienanhänger. Er stirbt
mit 80 Jahren
und empfielt kurz vor dem Tod seinen Anhängern, seiner
Lehre nicht
blind zu folgen, sondern alles anhand der eigenen Erfahrung
zu
überprüfen.
Grundlagen
von Buddhas Lehre
Buddha erklärt, wie die
Welt funktioniert - also was letztendlich wirklich und was bedingt
ist. Dieses Verständnis ermöglicht das Erleben
dauerhaften Glücks.
Die Vier Edlen Wahrheiten bilden
den Kern seiner Lehre:
1. Solange der Geist seine Natur nicht erkannt hat, gehört
zum
Leben zwar Freude, aber auch Leid. Zumindest Alter, Krankheit
und Tod sind unvermeidbar und werden als unangenehm erlebt.
2. Es gibt bestimmte Ursachen, warum der Geist seine wahre Natur
nicht sieht.
3. Jeder kann die Natur seines Geistes erkennen, also erleuchtet
werden.
4. Es gibt praktische Mittel, um das zu erreichen.
Dabei kennt Buddhas Lehre keine
Dogmen - nichts muss geglaubt oder ohne Prüfung vorausgesetzt
werden. Ihr Ziel ist die volle Entfaltung der einem jeden innewohnenden
Möglichkeiten. Zum Aufbau von Wissen hinzu kommen Meditationen
als das praktische Mittel, um dauerhaftes Glück zu erreichen:
Durch sie wird das Verstandene zur eigenen Erfahrung. Ergänzend
achtet man vor allem im Theravada darauf, leidbringendes Verhalten
zu vermeiden. Im Mahayana verschiebt sich dieser Schwerpunkt
auf die Vermeidung von Zorn, im Varayana darauf, die Welt stets
aus einer reichen und selbstbefreienden Sichtweise heraus zu
erfahren.
Im Mahayana verschiebt sich dieser Schwerpunkt auf die Vermeidung
von Zorn, im Varayana darauf, stets eine hohe Sichtweise der
Welt beizubehalten. Ausgehend vom Wirken des historischen Buddha
entwickelte sich der Buddhismus zu einer Weltreligion mit ununterbrochener
Überlieferung. Sie wendet sich an alle suchenden Menschen,
unabhängig von Rasse, Nation, sozialer Herkunft, Persönlichkeit
und Geschlecht. Dabei stellt sie den Menschen immer
in seine eigene Verantwortung (siehe Ursache und Wirkung). Sie
zeichnet sich zudem durch Toleranz und Gewaltlosigkeit aus.
Die buddhistischen
Wege
Buddhas
Belehrungen wurden zunächst mündlich von Lehrer zu
Schüler weitergegeben; ergänzende schriftliche Aufzeichnungen
entstanden erst nach seinem Tod. Dennoch wurde von Anfang an
großer Wert auf eine genaue Überlieferung gelegt.
Trotzdem unterscheiden einige Religionswissenschaftler die buddhistischen
Richtungen erst ab 380 v. Chr. voneinander.
Theravada (Kleiner bzw. Alter
Weg) Im Theravada wird manchmal behauptet, Buddha selbst habe
nur die Erklärungen dieses Weges gegeben, und die Schulen
des großen Weges hätten im Nachhinein eine zu offene
Einstellung gegenüber weltlichen Dingen eingenommen.
Im Alten Weg geht es vor allem um das Beruhigen und Festhalten
des Geistes und das Vermeiden von Leid und Schwierigkeiten im
Alltag. Im Theravada, das sich später vor allem in den
südasiatischen Ländern durchsetzte, genießt
das Mönchstum eine bevorzugte Stellung.
Mahayana (Großer Weg)
Die Schulen Mahayana beziehen sich direkt auf Buddha und unterscheiden
nur zwischen zwei Wegen: dem großen und dem kleinen, den
sie manchmal als unzulässige Verengung der Vielfalt von
Buddhas Lehre betrachten. Im großen Weg findet sich der
größte Teil der buddhistischen Philosophie und Psychologie;
Mönche und Laien sind gleichgestellt.
Den Varayana sehen die Schulen des großen Weges häufig
als eine Weiterentwicklung - entstanden durch eine Verschmelzung
mit der tibetischen Bön-Religion.
Varayana Auch die Varayana-Schulen führen ihre Belehrungen
direkt auf Buddha selbst zurück. Hier wird gelehrt, dass
Buddha drei verschiedenen Arten von Menschen Belehrungen gegeben
habe: Wer Leid vermeiden wollte, bekam Auskünfte zu Ursache
und Wirkung (Theravada). Wer mehr für andere tun wollte,
hörte Belehrungen, um
Mitgefühl und Weisheit zu entwickeln (Mahayana). Wenn die
Leute
fähig waren, Buddha als Spiegel für ihre eigenen Möglichkeiten
zu
sehen, lehrte er den Vajrayana Weg. Dabei zeigte sich Buddha
in
verschiedenen weiblichen und männlichen Lichtformen oder
vermittelte
seine erleuchtete Sicht von der Natur des Geistes direkt an
seine
Schüler. Dabei geht es darum, die Welt aus einer reichen
und
selbstbefreienden Sicht heraus zu erfahren. Der Varayana wurde
in
Indien durch die Mahasiddhas weitergegeben, die oft unkonventionelle
Persönlichkeiten waren, und später nur in Tibet und
der Mongolei
überliefert. Die Bezeichnung Diamantweg ist eigentlich
nur die
Übersetzung des Wortes Vajrayana; sie hat sich aber für
einen
besonders lebensnah vermittelten Vajrayana-Buddhismus eingebürgert,
der in der Tradition der tibetischen Karma Kagyü Linie
gelehrt wird.
Zen
Zen-Buddhismus ist der japanische Name einer im 6. Jahrhundert
in
China entstandenen Schule, die sich auf den Großen Weg
bezieht.
Auch sie beruft sich auf Erklärungen, die Buddha selbst
seinen
Schülern gegeben habe. Etliche Zen-Schulen betrachten Wissen
und
Konventionen als nutzlosen Ballast.
Die Erleuchtung soll durch selbstentstandene
Einsicht blitzartig zum
Durchbruch kommen. Man vereinfacht das Leben, um weniger vom
Meditieren abgelenkt zu werden, und versucht, bei stundenlangem
Stillsitzen oder Nachsinnen über eine paradoxe Frage (japanisch:
Koan), den ständigen Strom an inneren Vorstellungen zur
Erschöpfung
zu bringen. Der Zen-Buddhismus wurde vor allem in Japan überliefert.
Was
ist Meditation?
Meditation läßt das
Verständnis von Buddhas Belehrungen zur eigenen
Erfahrung werden und ist im Buddhismus das praktische Mittel,
um die
Natur des Geistes zu erkennen. Während der Meditation ruht
der Geist
idealerweise in sich selbst.
Theravada (Kleiner bzw. Alter
Weg)
Dieser Zustand wird im Theravada durch das Schaffen von Abstand,
durch Beruhigen und Einsgerichtetheit des Geistes erreicht.
Mahayana (Grosser Weg)
Im Mahayana nutzt man vor allem Methoden, um Mitgefühl
zu stärken
und die Leerheitsnatur des Geistes zu erfahren - das bedeutet,
dass
alle Erscheinungen und Ideen nicht dauerhaft sind, sondern ständig
entstehen und wieder verschwinden.
Varayana
Im Varayana steht die Arbeit mit inneren Energien und mit
Lichtformen weiblicher und männlicher Buddhas im Mittelpunkt.
Diese Buddhaformen zeigen verschiedene erleuchtete Qualitäten
des
Geistes. Der Varayana Buddhismus setzt auf die ständige
Identifikation mit der eigenen Buddhanatur, und zwar nicht nur
während, sondern auch außerhalb der Meditationssitzungen.
Wie viele
Buddhisten gibt es?
Die DBU schätzt, dass es ca.
100.000 deutsche Buddhisten gibt, sowie
ca. 120.000 hier lebende asiatische Buddhisten (vorwiegend
Vietnamesen und Thais). Weltweit gibt es etwa 300 000 000
Buddhisten.
Was ist
das Ziel Buddhismus?
Wer Buddhist oder Buddhistin
wird, möchte einen Weg zum Erwachen
oder zur Buddhaschaft finden. Damit ist gemeint, dass man auf
dem
Weg zur Buddhaschaft mehr Mitgefühl, Liebe, Freude und
Gleichmut
entwickeln möchte und frei werden will von allem Leid und
allen
Problemen. Buddhisten möchten ihr menschliches Potenzial
verwirklichen und das ist aus buddhistischer Sicht die Buddha-Natur
voller Mitgefühl, Frieden und Klarheit, die jedem Menschen
innewohnt.
Manche buddhistischen Linien betonen eher die persönliche
Befreiung
(Theravada-Traditionen), manche eher die Bodhisattva-Haltung,
die
die Befreiung aller Wesen anstrebt (Mahayana-Traditionen).
Was ist
Zen ?
Zen ist eine buddhistische Schule
der Meditation, die in China und später in Japan aus der
Verschmelzung des indischen Mahajana-Buddhismus und dem chinesischen
Taoismus entstand. Der japanische Begriff Zen entwickelte sich
aus dem chinesischen Ch'an, das vom Sanskrit-Wort dhyana abgeleitet
ist und einen
meditativen Zustand innerer Versenkung bezeichnet. Dhyana meint
in erster Linie den Bewußtseinszustand eines Buddhas,
dessen Geist sich nicht mehr um die Unterscheidung zwischen
der Individualität des einzelnen im Vergleich zu anderen
bemüht. Alle buddhistischen Strömungen vertreten die
Auffassung, daß jedes Ding nur in Relation zu einem anderen
existiert. Dieses Charakteristikum der "Leere" (Sanskrit sunyata)
verweist indes nicht auf die Nichtigkeit der Welt, sondern sagt
lediglich aus, daß kein System fester Definitionen oder
Klassifikationen die Natur zu erfassen vermag. Die Wirklichkeit
ist das "So-Sein" (Pali tathata) der Natur oder der Welt, unabhängig
von allen damit verbundenen Gedanken.
Lehre
und Praxis
Zen
ist der chinesische Weg zum buddhistischen Ziel, die Welt so
zu betrachten, wie sie ist, ohne ihr eigene Ideen oder Gefühle
(Sanskrit trishna) hinzuzufügen. Diese Haltung des "Nicht-Geistes"
(chinesisch
wu-hsin) entspricht einer Bewußtseinsstufe, auf der die
Gedanken vorbeifließen, ohne Spuren zu hinterlassen. Im
Gegensatz zu anderen buddhistischen Richtungen läßt
diese Ebene sich in der Philosophie des Zen nicht durch eine
graduelle Praxis erlangen, sondern muß sich direkt und
plötzlich in einer Art Erleuchtungserlebnis äußern
(chinesisch tun-wu; japanisch satori). Der Zen lehnt daher sowohl
Theorien als auch spirituelle Übungen ab und vermittelt
seine Vorstellung von Wahrheit mit Hilfe der Methode des direkten
Zeigens, das auf alle philosophischen oder religiösen Probleme
mit nichtsymbolischen Wörtern oder Taten antwortet. Die
Replik liegt in der Handlung an sich, nicht in dem, was diese
darstellt. Als typisches Beispiel mag die Erwiderung des Zen-Meisters
Yao-shan dienen, der auf die Frage, was der Weg des Zen sei,
zurückgab: "Eine Wolke am Himmel und Wasser in der Kanne!"
Die Anhänger des Zen machen sich aufnahmebereit für
derartige Antworten, indem sie meditieren (japanisch za-zen)
und dabei ohne geistigen Kommentar beobachten, was immer auch
geschieht.
Schulen Die beiden bedeutendsten Schulen des Zen sind die Rinzai-Schule
und die Soto-Schule in Japan.
Letztere legt größeren Wert auf die Meditation selbst,
während erstere Meditationsprobleme (japanisch koan) anhand
von Dialogen (japanisch mondo) wie dem oben zitierten erörtert,
vorzugsweise zwischen alten Meistern und ihren Schülern.
Die Schüler der Soto-Schule sind gehalten, ihr Verständnis
für eine Antwort des Lehrers in nonverbaler, direkter Form
- z. B. durch Zeigen - im Rahmen eines Einzelgesprächs
(japanisch sanzen) zu verdeutlichen. Einfluß auf Kunst
und Handwerk In der Regel vermitteln halbklösterliche Einrichtungen
die Philosophie des Zen an Laien, die sich für einen beschränkten
Zeitraum der Gemeinschaft anschließen. Ein Zenkloster
entspricht daher in gewissem Sinne einer Trainingsstätte,
in der Meditationsübungen mit einer beträchtlichen
Menge an manueller Arbeit abwechseln. Die Studenten solcher
Schulen widmen sich besonders der Kunst und dem Handwerk, vor
allem der Malerei, Kalligraphie, Gartenarbeit, Architektur und
der Tee-Zeremonie. In Japan kommen häufig Schwertfechten
(Kendo), Bogenschießen (Kyudo) und Jiu-Jitsu hinzu. Auf
Kunst und Handwerk des Fernen Ostens übte der Zen großen
Einfluß aus, weil sich seine Philosophie eher mit der
Tat als mit der Theorie verband und die Natur, so wie sie erscheint,
stets deren Interpretation vorzog. Der Geist dient
nach Auffassung des Zen als Fensterglas und nicht als Spiegel
und sollte deshalb eine direkte Sicht auf die Dinge statt deren
Auslegung ermöglichen. Alle die Natur und die Wirklichkeit
betreffenden Theorien
stören im Grunde den unmittelbaren Blick. Mit dieser Position
steht der Zen in direkter Nachfolge des buddhistischen Religionsstifters
Gautama Buddha. Dieser hielt Leid für ein Resultat des
Wünschens, da Geist und Empfindungen sich selbst zunichte
machten, wenn sie sich bewußt an die Welt der Erfahrungen
klammerten. Die Zenmalerei schöpft in erster Linie aus
der Natur: Vögel, Gräser, Felsen und Berge in einem
Stil, der ein Maximum an Technik mit einem Minimum an Planung
und Überlegung vereint. Ikonographische Darstellungen lehnt
der Zen indessen ab. Er bemüht sich darum, die Erfahrungen
selbst, nicht aber die Ideen, die sich aus ihnen ableiten, ins
Bild zu fassen und fühlt sich keinem System, keiner Lehre
und keinem Glauben verpflichtet.
Die
vier edlen Wahrheiten
Im Mittelpunkt von Buddhas Erleuchtung
steht die Erfahrung der vier edlen Wahrheiten:
(1) Leben ist Leiden; was mehr bedeutet als die bloße
Erkenntnis von der Existenz des Leidens im Leben. Es ist die
Erkenntnis, daß das Leiden in der Natur des menschlichen
Wesens, in seiner Essenz liegt, von der Geburt an bis zum Zeitpunkt
seines Todes. Darüber hinaus bringt auch der Tod keine
Erlösung, denn Buddha
übernimmt hier die hinduistische Idee vom Leben als Kreislauf,
in dem der Tod zur Wiedergeburt führt.
(2) Die Ursache allen Leidens liegt in der Unwissenheit, der
Begierde und dem Neid, wobei die beiden letzteren wiederum durch
Unwissenheit bedingt sind.
(3) Das Leiden kann beendet werden durch die Überwindung
von Unverständnis und des Gebundenseins.
(4) Der Weg zur Vernichtung des Leidens aber ist der „edle,
achtfache Pfad", bestehend aus: rechte Anschauung, rechtes Wollen,
rechtes Reden, rechtes Tun, rechtes Leben, rechtes Streben,
rechtes Denken, rechtes Sichversenken. Diese wiederum können
in drei Kategorien, Eckpfeiler der buddhistischen Glaubenslehre,
zusammengefaßt werden: Moral, Weisheit und Samadhi oder
Meditation.
Leben
im Zen
Blick in die Meditationshalle
macht das deutlich. Der Zedenholz erbaute, hohe eingeschossige
Raum, Zendo genannt, hat einen Steinfußboden und recht
und links über die Länge des Raumes ein schmales Podest.
Darauf schlafen und meditieren die Mönche. Jedem steht
Platz in Größe einer Tatami-Mate zu: ein mal zwei
Meter zum Liegen und - bei zusammengefalteter Unterlage - ein
mal ein Meter zum Sitzen und Meditieren. Das Bettzeug, eine
wattierte Steppdecke, ist auf einem unter der Decke laufenden
Balken unsichtbar verstaut. In winzigen Fächern, die teil
der Wandverschalung sind, ist Raum für die persönlichen
Habseligkeiten der Mönche: ihre Kleidung, ein Satz Ess-Schalen
samt Stäbchen und eine Sammlung buddhistischer Gebete.
Die Kargheit hat ihren Grund: Der Wunsch nach Besitz gilt im
Buddhismus als eine der schlimmsten Leidenschaften.
Bis auf den schlichten Altar mit der Buddhastatue ist die Halle
völlig leer. Kaum zu glauben, daß hier über
20 Männer schlafen, meditieren und ihre Sachen aufbewahren.
Alles ist peinlich sauber. "Hier ist es wie in einem Zen-Tempel",
lautet denn auch eine japanische Redensart, um Ordnung zu loben.
Putzen gehört zur täglichen Fron. "Keine Arbeit wird
als unter der Würde betrachtet", schreibt Daisetz Suzuki
in seinem Buch "Die große Befreiung - eine Einführung
in den Zen-Buddhismus". Dass die Mönche ohne Widerspruch
fegen, die Latrinen reinigen, Unkraut akribisch jäten,
Küchendienste leisten oder in der Umgebung um ihre tägliche
Reisportion betteln, ist Teil ihrer Erziehung, deren Regeln
der chinesischen Zen-Meister Hyakujo vor rund 1200 Jahren festlegte.
Sie steht unter dem Motto: Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne
Essen. Oder: Kein Essen ohne Arbeit. Apropos Essen. Es gibt
drei vegetarische Mahlzeiten pro Tag, die erste morgens noch
vor Sonnenaufgang, nach der ersten Meditation und dem ersten
Gebet, die letzte nachmittags gegen 16 Uhr. Sie werden schweigend
im meist neben der Küche liegenden Refektorium eingenommen.
Wer einen Nachschlag an Reis oder Suppe möchte, bekundet
es durch Handzeichen. Nach dem Essen gibt es anstelle von Tee
nur heißes Wasser. Damit werden die benutzten Schalen
ausgespült, um auch das kleinste Reiskörnchen noch
mitzunehmen und dabei gleichzeitig das Geschirr zu säubern.
Ein Stück Stoff, kaum größer als ein Taschentuch,
dient zum Abtrocknen, bevor der Schalensatz darin eingebunden
und weggeräumt wird. Dick werden kann man davon nicht.
Aber härter als die schmalen Rationen trifft die jungen
Männer der Schlafentzug. Taigaku Ogura erinnert sich nur
zu gut, wie schwer es gerade nach einem arbeitsreichen Tag war,
bei den täglichen Meditationsübungen nicht einzunicken.
Mindestens fünf bis sechs Stunden sind dafür nach
einem von Kloster zu Kloster verschiedenen Stundenplan vorgesehen.
Die erste Sitzung beginnt mitten in der Nacht, meist gegen vier
Uhr morgens, und läutet den langen Mönchsalltag ein.
Vom Gongschlag geweckt, hetzen die Mönche hoch, packen
in Nullkommanichts ihr Bettzeug weg und rennen im Laufschritt
zu einem Brunnen, um sich mit einer (!) Kelle Wasser Gesicht
und Hände zu waschen und die Zähne zu putzen. Das
ist in den Tempeln der Rinzai-Schule auch heute noch so. Taigaku
Ogura zeigt den Brunnen, um den sich die Brüder morgens
scharen, und schöpft das Quentchen Wasser - etwa eine Kaffeetasse
voll -, das für die Morgentoilette reichen muß. Dann
hasten sie zu ihrem streng hierarchisch zugeteilten Platz im
Zendo zurück. Je länger ein Mönch im Kloster
ist und je größer seine Fortschritte auf dem Weg
zur Erleuchtung sind, umso näher liegt sein Schlafplatz
der Buddhastatue.
Die Eile ist Programm. Je weniger Zeit mit lapidaren Dingen
vergeudet wird, desto mehr Raum bleibt dem Zen, der Kontemplation,
der Selbstversenkung, die dieser buddhistischen Strömung
ihren Namen gibt. Und je länger man sich dem Zen widmet,
desto eher gelangt man zur Erleuchtung. Mit aufrechtem Rücken,
ineinandergelegten Händen und geöffneten Augen verweilen
die Brüder über Stunden im Lotussitz. Die perfektionierte
Form des Schneidersitzes, bei der ein Fuß jeweils auf
dem Oberschenkel des anderen Beines liegt, sieht für Ungeübte
nach Zirkuskunststück aus. Für die Mönche ist
es die bequemste Haltung, ihr Gleichgewicht zu halten, ohne
zu ermüden. Eine Fähigkeit, die sie besonders während
der sechsmal pro Jahr stattfindenen Sesshins brauchen. Sesshin
bedeutet "den Geist sammeln". Es dauert jeweils eine Woche und
konzentriert sich ganz auf Zazen, die Sitzmeditation. Die Mönche
nutzen dies Klausur in der Klausur, um Texte aus Zen-Schriften
zu hören und um über ihr Koan nachzudenken. Koan ist
die Nuss, die der Meister, der Zen-Lehrer im Kloster, jedem
seiner Schüler zu knacken gibt. Es ist ein mit dem Verstand
nicht zu lösender absurder Rätselsatz, der das Ziel
hat, zur Erleuchtung zu führen (japanisch: Satori). Kostprobe
gefällig?
Bitte: Jeder kennt den Klang von zwei klatschenden Händen,
wie ist der Klang von einer klatschenden Hand? Oder: Zeig mir
das Gesicht, das du hattest, bevor diene Eltern geboren wurden.
Es sind Sätze, die wie Witze klingen. Doch sie sind alles
andere als das. "Ein Koan wird aufgegeben", so Dr. Klaus Wolff,
der Entspannung nach der Zen-Methode lehrt, "um den Verstand
zu binden und ruhig zu werden. Je mehr man darüber nachgrübelt,
umso mehr kommt man vom rationalen Denken weg." Der Gelehrte
Daisetz Suzuki hat es so formuliert: "Der Wert der Zen-Übung
soll die unerschütterliche Überzeugung begründen,
daß es etwas in der Welt gibt, was über den bloßen
Intellekt hinausgeht." Zen ist der Weg, nicht das Ziel. Viele
Schüler brauchen Jahre, um ihr Koan zu lösen, manche
schaffen es nie.
Mit
freundlichen Grüßen,
Demetrius Degen
Hier
meine Bücher im Internet, oder bestellen Sie mit der entsprechenden
ISBN - Nr. beim nächsten Buchhandel.