KAPITEL 68
164. Wer gut als
Ritter, ist nicht streitbar; Ein guter Kämpfer wütet nicht;
Wer gut als
Feindbezwinger, wird
nicht handgemein; Wer Menschen gut verwendet, stellt sich ihnen
unter.
Dies nennt man:
Tugend des Nicht-Streitens; Dies nennt man: Macht der
Menschen-Verwendung;
Dies nennt man: First der Himmels-Paarung.
KAPITEL 69
165. Beim Gebrauch
der Waffen gibt es seit alters ein Wort: »Ich wage nicht, den
Hausherrn zu machen,
Sondern mache den Gast; Ich wage nicht, um eine Daumenbreite
vorzurücken,
Sondern weiche eine Fußbreit zurück.«
Dies nennt man:
Vorgehn auch ohne Vorgehn, Ärmelaufrollen auch ohne Arm, Festhalten
auch ohne Waffe,
Angreifen auch ohne Feind.
166. Kein Unheil
größer, als ohne Feind zu sein Ohne Feind kann ich verlieren
Meine
Kostbarkeit.
167. Wahrlich: Wenn
zwei die Waffe gegeneinander erheben, Wird der, der trauert,
siegen.
KAPITEL 70
168. Meine Worte
sind Sehr leicht zu verstehen Und sehr leicht auszufahren. Doch im
ganzen Reich Vermag
niemand, sie zu verstehen, Vermag niemand, sie auszufahren.
Mein Wort hat einen
Ahn, Mein Werk hat einen Herrn. Wohl! Nur weil man sie nicht
kennt, Versteht man
auch Mich nicht. 169. Die Seltenen sind es, die Mich verstehn; Und
die Mir folgen, sind
angesehn. 170. Deshalb der Heilige Mensch: Trägt am Leibe das
härene Gewand,
Aber am Herzen das Kleinod.
KAPITEL 71
171. Um sein Nichtwissen
wissen Ist das Höchste. Um sein Wissen nicht wissen ist
krankhaft.
172. Wohl! Nenne
das Kranke krank! So nur bist du nicht krank.
Der Heilige Mensch
ist nicht krank. Er nennt das Kranke krank, Deshalb ist er nicht
krank.
KAPITFL 72
173. Erst wenn das
Volk vor deiner Macht nicht bangt, Hast du die größte Macht
erlangt.
Enge nicht ein, worauf
sie wohnen! Mache nicht Mühsam, wovon sie leben! Wohl, nur
wenn du sie nicht
mühst, 'Werden sie deiner nicht müde.
174. Deshalb der
Heilige Mensch: Er kennt sich selbst, Aber sieht sich nicht; Er schont
sich selbst, Aber
ehrt sich nicht.
Wahrlich: Von jenem
laß! Dieses erfaß!
KAPITEL 73
175. Mutig sein beim
Wagen bedeutet Tod; Mutig sein beim Nicht-Wagen bedeutet
Leben. Von diesen
beiden Bringt eines Nutzen, das andere Schaden. Was der Himmel
haßt, Wer kennt
den Grund davon?
150. (Deshalb der
Heilige Mensch: Gleichsam tut er sich schwer.)
176. Des Himmels
Weg: Er streitet nicht Und ist dennoch gut im Siegen; Er redet nicht
Und ist dennoch gut,
Antwort zu geben; Er ruft nicht auf, Und dennoch kommt alles von
selbst; Sanft ist
er Und ist dennoch gut im Planen.
177. Des Himmels
Netz ist endlos weit; So groß die Maschen - Dennoch entgeht
ihm
nichts.
KAPITEL 74
178. Wenn das Volk
nicht vor dem Tode bangt, Warum es dann mit dem Tode schrecken?
Gesetzt aber, man
wirkte, Daß das Volk ständig den Tod fürchtet, Und
sie täten
Ordnungswidriges:
Wer von uns wagte, sie greifen und töten zu lassen? Ständig
ist ein
Scharfrichter da,
der richtet. Statt des Scharfrichters zu richten, Das hieße
»statt des
Zimmermanns hobeln«.
Wohl! Wenn einer statt des Zimmermanns hobelt, selten, daß er
sich nicht die Hand
verletzt.
KAPITIEL 75
179. Wenn das Volk
hungert, so darum, Weil der Steuern, die seine Oberen verzehren, Zu
viel sind. Nur darum
hungert es. Wenn das Volk schwer zu regieren ist, so darum, Weil
seine Oberen tätig
sind. Nur darum ist es schwer zu regieren. Wenn das Volk den Tod
gering achtet, so
darum, Weil es dem Leben zu völlig nachgeht. Nur darum achtet
es den
Tod gering.
180. Wohl! Nicht
zu haben, Wodurch das Leben schätzenswert, Ist besser, als das
Leben
wertzuschätzen.
KAPITEL 76
181. Wenn der Mensch
geboren wird, Ist er weich und schwach; Wenn er stirbt, Ist er fest
und stark. Wenn die
zehntausend Wesen, Wenn Gräser und Bäume wachsen, Dann sind
sie weich und saftig;
Doch wenn sie absterben, Dann sind sie dürr und trocken.
Wahrlich: Das Feste,
Starke ist des Todes Begleiter; Das Weiche, Schwache des Lebens
Begleiter.
Deshalb: Sind die
Waffen stark, dann siegen sie nicht. Sind die Bäume stark, dann
werden sie gefällt.
Das Starke, Große liegt darnieder; Das Weiche, Schwache ist
hochgestellt.
KAPITEL 77
183 Des Himmels Weg,
wie gleicht er dem Bogenspannen! Was hoch ist, wird
niedergedrückt;
Was tief ist, nach oben gezogen; Was zu viel ist, wird vermindert;
Was
unzureichend, wird
aufgewogen.
So auch des Himmels
Weg: Er mindert das, was zu viel, Und wiegt auf, was unzureichend
ist. Doch der Menschen
Weg ist anders: Sie mindern die, bei denen es nicht reicht, Um es
darzubringen denen,
die zu viel haben.
184. Wer ist imstande,
sein Zu-Viel Darzubringen dem Reiche? Nur der, der den Weg
hat.
185. Deshalb der
Heilige Mensch: Er tut, aber baut nicht darauf; Ist das Werk vollbracht,
verweilt er nicht
dabei. Denn er wünscht nicht zu zeigen seine Trefflichkeit.
KAPITEL 78
186. Nichts auf Erden
ist so weich und schwach Wie das Wasser. Dennoch, im Angriff auf
das Feste und Starke
Wird es durch nichts besiegt: Das Nicht-Sein macht ihm dies leicht.
187. Schwaches besiegt
das Starke; Weiches besiegt das Harte. Niemand auf Erden, der
das nicht weiß,
Niemand, der ihm zu folgen vermag.
188. Deshalb sagt
der Heilige Mensch:
>>Wer auf sich nimmt
den Schmutz im Land, Sei Herr des Flur- und Kornaltars genannt.
Wer Landes Unheil
auf . sich nimmt, Der ist zum König des Erdreichs bestimmt.«
189. Wahre Worte
klingen Oft wie Gegensinn.
KAPITEL 79
190. Wenn wir den
größten Groll beschwichtigen, Verbleibt des Grolls genug.
Wie stellen
trotzdem wir Uns
mit den andern gut?
191. Deshalb, der
Heilige Mensch Behält den linken Teil der Schuldverschreibung,
Aber
treibt nicht ein
von den Menschen: Wer Tugend hat, obliegt der Schuldverschreibung;
Wer tugendlos, obliegt
der Schuld-Eintreibung.
192. Des Himmels
Weg ist ohne Günstlingsgeist, Gibt ewig dem, der sich als gut
erweist.
KAPITEL 80
193. Ein kleines
Land! Ein Volk gering an Zahl! Und gäb es dort Geräte zehnfach,
hundertfach - Von
Wirkung - mach, daß man sie nicht gebraucht! Mach, daß
das Volk
ernst nimmt den Tod
Und nicht auswandert in die Ferne! Wohl gibt es Schiff und Wagen
dort, Jedoch kein
Ziel, sie zu besteigen; Wohl gibt es Panzer und Waffen dort, Doch
keinen Grund, sie
aufzunehmen. Laß auch die Menschen finden heim zur Knotenschnur
Und sie gebrauchen.
Mach süß ihre Speise, Schön ihre Kleider, Friedlich
ihr Wohnen,
Fröhlich die
Lebensweise! Man sieht von weitem wohl das Nachbarland, Die Hähne
sind,
die Hunde noch zu
hören; Das Volk wird alt, und wenn sie sterben, War dennoch keiner,
der zum Nachbarn
fand.
KAPITEL 81
194. Trauenswerte
Worte sind nicht schön; Schöne Worte sind nicht trauenswert.
Wer gut
ist, disputiert nicht;
Wer disputiert, ist nicht gut. Ein Wissender ist nicht gelehrt; Ein
Gelehrter ist nicht
wissend.
195. Der Heilige
Mensch häuft nicht an. Je mehr er für die Menschen tut,
Desto mehr
hat er selbst. Je
mehr er den Menschen gibt, Desto mehr wird ihm selbst zuteil.
195. Des Himmels
Weg: Er nützt, ohne zu schaden. Der heiligen Menschen Weg: Er
tut,
ohne zu streiten.